Brauchen wir überhaupt einen Doktortitel?

22 Sep

Wie versprochen, möchte ich ein paar kurze Eindrücke zur Tagung liefern. Ich könnte an dieser Stelle sicherlich viel erzählen, worüber wie diskutiert wurde, doch es blieb mir ein letzter Kommentar der Podiumsdiskussion im Kopf, der einen Nerv getroffen hat und den ich so nicht erwartet habe. Nach langem Hin und Her, über die Zukunft, den Nutzen und die Qualität sowie die Gestaltung der Promotion kam der letzte Kommentar von einem sehr renommierten Professor:

Brauchen wir überhaupt einen Doktortitel? Was wir brauchen, sind Leute die das können, was die Stellenanforderung beinhaltet.“

 

Spannend war der Kommentar deshalb, weil er a) von einem Professor kam, der diesem Stand ja selbst angehört und b) wenn man den Gedanken zu Ende spinnt, die Realisierung des Kommentars die akademische Existenzgrundlage auf Basis von Titeln mit einem Schlag vernichtet wäre.

Was sagt mir der Kommentar über den Absender, der doch selbst Professor ist? Er scheint Titeln weniger Bedeutung beizumessen. Was hat dann Bedeutung für ihn? Die Antwort finden wir im zweiten Teil seiner Ausführung. Es geht ihm um Inhalte, um prüfbare und abrufbare Fähigkeiten, welche er nicht zwingend mit einem „Stück Papier“ verbunden sieht.

Wie zu erwarten, hat dieser Kommentar Reaktionen erzeugt (sicher auch weniger sichtbare). Gegenargument war: „Natürlich brauchen wir den Doktortitel. Wie soll man sonst in einem Bewerbungsgespräch beurteilen, ob der Kandidat den Anforderungen gerecht wird? Das geht ohne den Titel nicht.“

Sicherlich ist es schwer, in einem Bewerbungsgespräch die Qualifikation festzustellen und Zeugnisse, Titel sowie Urkunden sollen hier Unterstützung bieten. Doch es ist bestimmt jedem schon mal aufgefallen, dass eine Urkunde oder ein Zeugnis keine Garantie für die damit verbundenen Fähigkeiten sind. Ursachenforschung ist hier vermutlich eine Lebensaufgabe. Insofern möchte ich mich damit hier nicht aufhalten. In Deutschland wird allgemein noch sehr viel Wert auf Titel gelegt. Dies ist so nicht wirklich dramatisch. Was aber bedenklich ist, wenn man Titeln blind vertraut und sich deshalb nicht mehr die Mühe macht, die Person dahinter zu betrachten und kritisch wahrzunehmen.

Ein anderer Aspekt ist, dass es immer noch Leute gibt, die ihre Position als Egopolitur und als Machtmittel einsetzen. Auch das ist menschlich. Doch ein starker Charakter und eine gut entwickelte Persönlichkeit, die durch Leistung und Inhalte überzeugt, imponieren mir wesentlich mehr und dies ist sicherlich auch im Sinne der Nachhaltigkeit von Vorteil. Somit finde ich die Frage, ob wir Titel brauchen, ganz reizvoll, um einfach mal wieder ein paar Dinge zu hinterfragen. Klar ist, dass eine Art „Gütesiegel“ oder ein „Qualifikationsstempel“ von Vorteil ist, um zu selektieren, denn sonst könnte ja auch jeder kommen und sagen ich bin Ihr Chirurg und werde Sie nun am offenen Herzen operieren. Was bleibt, ist dass man trotz Titel und Urkunden immer noch eine gesunde Skepsis behalten sollte und es von Vorteil ist, die Menschen nach ihren Taten zu beurteilen.

Eine Zusammenfassung der Tagung und die Präsentationen, Bilder, Poster findet Ihr dann hier: http://www.ihi-zittau.de/ZittauerModell2010/ unter Materialien.

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4 Antworten to “Brauchen wir überhaupt einen Doktortitel?”

  1. Thorsten L. Oktober 1, 2010 um 4:41 pm #

    Eigentlich hat ein Doktor ja nur eine Doktorarbeit geschrieben. Sozusagen einen kleine Roman, zu einem Thema mit Sinn, oder auch nicht. Ich kenne einen Doctor, der hat über die Blasen in der Lustschokolade geschrieben (kein Mediziner). LG

    • Stefanie Oktober 3, 2010 um 12:32 pm #

      Grüß Dich Thorsten,

      stimmt schon. Das Schreiben der Doktorarbeit gehört auch dazu. Was aber die eigentliche Leistung sein sollte, ist eine wissenschaftlich geführte Untersuchung zu einer „relevanten“ Problemstellung/ Fragestellung, zu der es bisher noch keine Antwort gab. Das ist meist nicht ganz ohne. Das „Buch“ ist dann eigentlich nur so eine Art Forschungsbericht. Ist ja lustig, dass mit der Arbeit über Schokolade. Manche Sachen hinterfrage ich lieber nicht, sondern genieße sie so wie sie sind…lecker Schokolade z.B. 😉

  2. Thorsten L. Oktober 3, 2010 um 12:52 pm #

    Hallo Stefanie, es soll natürlich Luftschoklade heißen, da hat sich leider der Tippteufel eingeschlichen. Eine Doktorarbeit ist natürlich schon sehr anspruchsvoll. Aber gerade im Bereich der Ingenieurwissenschaften wird gern mal eine Doktorarbeit geschrieben, weil man halt nicht gleich nach dem Studium eine Anstellung gefunden hat. Es kann also sein, das die besten Absolventen gleich im Arbeitsleben stehen und die eher nicht ganz so Guten aus der Not heraus an der Uni/Hochschule bleiben und dann noch eine Doktorarbeit schreiben. Natürlich nicht die Mehrheit, aber durchaus gern praktiziert. Die Frage ist sicher auch, hat man überhaupt die Zeit für eine Doktorarbeit. Da ist sicher auch ein Arbeitgeber gefragt. Der Eine hat Glück, der Andere eher nicht. Zumindest denke ich, dass ein Doktortitel allein noch kein Qualitätsmerkmal ist. Zumindest aus meiner Erfahrung. Ich selbst habe zwar nur eine Ing.-Arbeit geschrieben, aber die war, würde ein Schriftsteller sagen, konstruiert. Mal hier und mal da geschaut, viel recherchiert, viel bla bla und irgenwann war die vorgegebene Seitenanzahl erreicht und der Mentor zufrieden. Note 2, aber stolz bin ich nicht. Äh, das mit der Luftschokolade war aber nicht ich, das war ein Dozent von mir. 🙂 LG Thorsten alias Luckyman (ST)

    • Stefanie Oktober 3, 2010 um 1:31 pm #

      Hey Thorsten (hab mir schon gedacht, dass Du der gute Luckyman bist 😉 ).
      Da hast Du Recht. Titel sind einfach keine Garantie. Darum fand ich den Kommentar des Professors auch so gut. Irgendwie sieht man erst dann, was eine Person wirklich kann, wenn man über einen längeren Zeitraum seine Arbeit und Leistung beobachtet. Mit der Schoki habe ich mir schon gedacht, dass es ein Tippfehler war. Wünsche Dir einen schönen, sonnigen Sonntag 🙂 LG, Steffi/ Tweety (ST)

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